„Ein Kinderhospiz? Das wird bestimmt traurig.“ Mit dieser oder einer ähnlichen Vorstellung starteten viele von uns in das Praxisprojekt im Kinderhospiz Haus ANNA. Vier Tage später war klar: Kinderhospizarbeit bedeutet vor allem Leben, Begegnung, Teilhabe und gemeinsame Familienzeit. Statt einer Atmosphäre der Schwere begegnete uns ein Ort voller Lebensfreude, an dem Kinder spielen, Familien Entlastung erfahren und professionelle Pflege dazu beiträgt, Lebensqualität zu erhalten und Teilhabe zu ermöglichen. Für uns als Studierende des Bachelorstudiengangs Pflege waren diese vier Tage weit mehr als ein Praxiseinsatz. Sie haben unseren Blick auf Kinderhospizarbeit, professionelle Pflege und die Möglichkeiten wissenschaftlich fundierter Pflege nachhaltig verändert.
Tag 1: Begegnungen, Teilhabe und neue Perspektiven
Bereits am ersten Tag wurde deutlich, dass das Haus ANNA vieles anders macht, als wir erwartet hatten. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit Kindern, Eltern und Mitarbeitenden machten wir uns auf den Weg zu einem Spaziergang. In den vielen „Walk and Talks“ entstanden Gespräche, die uns einen unmittelbaren Einblick in den Alltag der Familien ermöglichten.
Auf dem Weg zu den Pferden konnten wir beobachten, wie unterschiedlich Kinder ihre Fähigkeiten einsetzen, miteinander kommunizieren und ihre Umwelt entdecken. Gleichzeitig erhielten wir erste Einblicke in die enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen. Pflegefachpersonen, Heilerziehungspfleger, Erzieher und Familien gestalten den Alltag gemeinsam – immer mit dem Ziel, den Kindern größtmögliche Teilhabe und Lebensqualität zu ermöglichen.
Besonders eindrucksvoll war zu erleben, wie selbstverständlich therapeutische und pflegerische Förderung in alltägliche Situationen integriert werden kann. Beim Pusten von Pusteblumen wurde spielerisch Atemtraining durchgeführt, Bewegung gefördert und Teilhabe ermöglicht – ganz ohne den Charakter einer therapeutischen Übung.
Am Ende des Tages nahmen wir vor allem eine Erkenntnis mit: Das Haus ANNA entspricht nicht dem Bild, das viele Menschen zunächst mit einem Hospiz verbinden. Es ist ein Ort voller Leben, Entwicklung und gemeinsamer Erfahrungen.
Tag 2: Vom Beobachten zum Verstehen – pflegediagnostische Fallarbeit
Am zweiten Projekttag rückte die pflegediagnostische Fallarbeit in den Mittelpunkt. In Kleingruppen begleiteten wir Kinder und Familien, analysierten Dokumentationen und tauschten uns mit Mitarbeitenden sowie Angehörigen aus. Schritt für Schritt entstand so ein umfassendes Bild der jeweiligen Versorgungssituation.
Aus einzelnen Beobachtungen wurden Zusammenhänge, aus Informationen pflegerische Einschätzungen und daraus wissenschaftlich begründete Handlungsmöglichkeiten. Dabei wurde für uns greifbar, wie pflegediagnostisches Denken dazu beiträgt, komplexe Situationen systematisch zu analysieren und individuelle Pflege zu planen.
Gleichzeitig zeigte sich, worauf das Pflegestudium vorbereitet: komplexe Pflegeprozesse eigenverantwortlich zu analysieren, wissenschaftliche Erkenntnisse in Entscheidungen einzubeziehen und Versorgung gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Familien zu gestalten.
Tag 3: Wenn Wissenschaft in der Praxis ankommt
Am dritten Projekttag arbeiteten wir unsere Fallanalysen weiter aus und entwickelten pflegediagnostische Einschätzungen, Ziele und evidenzbasierte Interventionen weiter.
Parallel dazu beschäftigten wir uns gemeinsam mit der Pflegedienstleitung Gabriella Veres mit Fragestellungen aus dem Alltag des Kinderhospizes. Diese Praxisanliegen wurden aufgegriffen und anhand aktueller wissenschaftlicher Literatur bearbeitet. Daraus entstanden evidenzbasierte One Minute Wonders – kompakte Wissensimpulse, die das Team künftig im Pflegealltag unterstützen.
Für uns wurde dabei deutlich, dass akademische Pflege weit über die direkte Versorgung hinausgeht. Sie bedeutet auch, wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch zu bewerten, verständlich aufzubereiten und für die Praxis nutzbar zu machen.
Tag 4: Gemeinsam lernen – Wissenschaft und Praxis im Dialog
Am vierten und letzten Projekttag standen Austausch und gemeinsame Reflexion im Mittelpunkt. Die einzelnen Gruppen präsentierten ihre Fallarbeiten und stellten pflegediagnostische Einschätzungen, Ziele sowie wissenschaftlich begründete Interventionen vor. Besonders wertvoll war der Dialog mit den Mitarbeitenden des Kinderhospizes. Gemeinsam reflektierten wir unsere Überlegungen, diskutierten unterschiedliche Perspektiven und verknüpften wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Erfahrungen der Praxis.
Dabei wurde deutlich, wie eng Praxis und unser Studium an der Fakultät Angewandte Gesundheitswissenschaften bereits miteinander verbunden sind und wie sehr beide Seiten voneinander profitieren können. Viele Sichtweisen deckten sich, gleichzeitig eröffneten die Fallarbeiten neue Blickwinkel auf pflegerische Fragestellungen und machten Potenziale für die Weiterentwicklung pflegerischer Rollen sowie zukünftige Kompetenzerweiterungen sichtbar.
Aus vier Tagen wurden bleibende Eindrücke
Als wir auf die vier Tage zurückblickten, wurde uns bewusst, wie nachhaltig dieses Praxisprojekt unseren Blick verändert hat. Was viele zunächst mit Abschied und Trauer verbinden, erwies sich als ein Ort voller Leben, Begegnung und Unterstützung.
Vor allem aber bleibt eine Erkenntnis: Kinderhospizarbeit bedeutet nicht in erster Linie, das Lebensende zu begleiten. Sie bedeutet, Leben zu gestalten, Teilhabe zu ermöglichen und Familien in herausfordernden Lebenssituationen Tag für Tag zu begleiten.
Ein herzliches Dankeschön gilt dem gesamten Team des Haus ANNA für die Offenheit, das Vertrauen und die herzliche Aufnahme. Die Einblicke in Ihre Arbeit, der gemeinsame Austausch und die wertvollen Erfahrungen werden uns weit über dieses Praxisprojekt hinaus begleiten.
Haus ANNA braucht Unterstützung
Während unseres Praxisprojekts wurde uns auch bewusst, dass diese besondere Form der Begleitung nicht selbstverständlich ist. Das Haus ANNA begleitet Familien mit schwerst- und lebensverkürzend erkrankten Kindern und Jugendlichen mit einem ganzheitlichen Angebot, das den betroffenen Familien kostenfrei zur Verfügung steht. Gleichzeitig werden die Leistungen nicht vollständig refinanziert. Damit Familien auch weiterhin Entlastung, gemeinsame Zeit und professionelle Begleitung erfahren können, ist das Kinderhospiz dauerhaft auf Spenden angewiesen. Wer die wertvolle Arbeit des Haus ANNA finanzielle unterstützen möchte, trägt unmittelbar dazu bei, Lebensqualität, Teilhabe und gemeinsame Familienzeit zu ermöglichen.
Chiara Braidt, Anastasia Jung, Seoyoung Kim, Davorin Schott & Alicia Spieß
Die Autorinnen und Autoren sind Studierende des primärqualifizierenden Bachelorstudiengangs Pflege im 4. Semester der Technischen Hochschule Deggendorf. Der Beitrag entstand gemeinsam mit der Lehrkraft für besondere Aufgaben, Anna Schindler im Rahmen des Moduls Praxis 4. Ziel der Projekte innerhalb der Praxismodule ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse mit der pflegerischen Praxis zu verknüpfen und die Kompetenzen der Studierenden im pflegediagnostischen Denken, Clinical Reasoning und evidenzbasierten Handeln weiterzuentwickeln. Das hier vorgestellte Projekt fand im Kinderhospiz Haus ANNA statt und vermittelt Einblicke in die Verbindung von akademischer Pflege und praktischer Versorgung in der Kinderhospizarbeit.